Ein US-amerikanischer Fernmeldeingenieur (1861 - 1932)
Zum Gedenken an seinen 75. Todestag
Vor 75 Jahren starb am 27. Dezember 1932 in Baltimore (Maryland) der Fernmeldeingenieurs John Joseph Carty. Er wurde am 14. April 1861 in dem Bostoner Vorort Cambridge (Massachusetts) geboren. Als Achtzehnjähriger von dem damals erfundenen Telefon begeistert nahm Carty im Jahre 1879 eine Arbeit als technischer Hilfsarbeiter bei der Bell Telephone Company auf. Im benachbarten Boston arbeitete er mehrere Jahre in den verschiedenen Betriebsabteilungen dieser Telefongesellschaft. Nebenher erwarb er sich ab 1880 durch den Besuch von Abendvorlesungen am Massachusetts institute of Technology (MIT) im heimatlichen Cambridge das angestrebte ingenieurtechnische Wissen. Die Firmenleitung hatte bald die technische Begabung des jungen Ingenieurs erkannt und übertrug ihm neue Aufgaben bei einer in New York City gegründeten Bellschen Tochterfirma. Seit 1887 bei dieser am 17. Februar 1879 als National Bell Telephone Company gegründeten Firma beschäftigt, aus der 1892 die Western Electric Company hervorging, hatte sich Carty innerhalb von zwei Jahren zum Chefingenieur dieser New Yorker Telefongesellschaft hochgearbeitet. In der nachfolgenden Zeit beschrieb Carty in einer Reihe von Beiträgen die fernmeldetechnischen Grundlagen für den Entwurf und das Funktionsprinzip von Telefonendapparaten und -vermittlungssystemen. Zu Cartys wichtigsten Erfindungen zählen eine leistungsstarke Zentralbatterie für die Stromversorgung des Teilnehmernetzes einer größeren Telefonvermittlungsstelle, Telefonschaltungen mit Rückmeldung von Rufzeichen und Schaltungen zur Verringerung des gesamten Scheinwiderstandes (Impedanz) in Telefonsystemen. All das trug zu einer wesentlichen Verbesserung der Sprachgüte bei. Weiterhin erfand Carty die Phantomschaltung. Bei dieser Schaltung kann über zwei voneinander unabhängige Stromkreise mit je einem Hin- und Rückleiter (daher als Vierdrahtleitung bezeichnet) ein dritter Stromkreis gebildet werden. Auf diese Weise kann man über zwei Doppeladern drei voneinander unabhängige Gespräche führen. In langjährig geführten Laboruntersuchungen erforschte Carty die Ursachen für das Nebensprechen. Diese hinderliche Erscheinung erklärte er als gegenseitige Beeinflussung der Leitungen eines Leitungsbündels untereinander durch unerwünschten Übertritt elektrischer Energie aus dem störenden in den gestörten Stromkreis infolge kapazitiver, induktiver und galvanischer Kopplungen, die durch Unsymmetrien zwischen den Leitungen entstehen. Als Gegenmaßnahme schlug Carty den Kreuzungsausgleich auf Telefonleitungen vor. Bei diesem Verfahren werden zwei Adern oder die beiden Stammleitungen eines Vierers vertauscht. Handelt es sich um Freileitungen, wechselt man an der Kreuzungsstelle die Plätze der Isolatorenbefestigung an den Stützpunkten, die den Leitungsabschnitt eines Kreuzungsfeldes begrenzen. Carty wurde von der Bell Telephone Company im Jahre 1907 zum Chefingenieur ihrer größten Tochterfirma, der am 3. März 1885 in Albany (Bundesstaat New York) gegründeten American Telephone and Telegraph Company (AT & T), ernannt. In dieser Stellung war er, mit Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg, bis 1919 tätig. Dank Cartys Wirken erlangten die für alle Bellschen Einzelunternehmen arbeitenden Bell Telephone Laboratories in Murray Hills (New Jersey) bald Weltberühmtheit. Er bezog bei allen Forschungen seine Mitarbeiter stets unmittelbar in die Lösung von Fragen des drahtgebundenen und des drahtlosen Telefonweitverkehrs mit ein. Infolgedessen gelangen ihm bereits im Jahre 1915 sowohl trans-kontinentale als auch transatlantische Sprachübertragungen. Die von Carty erzielten Erfolge bewogen im Jahre 1916 das American Institute of Electrical Engineers (Amerikanisches Institut für Elektrotechnik), ihn zu dessen Präsidenten zu wählen. In dieser Stellung präsidierte er am 16. Mai 1916 in New York anläßlich einer von ihm organisierten Fachtagung dieses Institutes. Für diese Veranstaltung gelang es ihm erstmals, 1 100 Teilnehmer in New York City mit 1000 Teilnehmern in Chicago (Illinois), 900 in Boston (Massachusetts), 850 in Philadelphia (Pennsylvania), 500 in Atlanta (Georgia) und 750 in San Francisco (California) über Telefonverbindungen zusammenzuschalten. Anfangs als Reservist des Army Signal Corps (Nachrichtentruppe) eingezogen, wurde Carty im Jahre 1917 mit dem Kriegseintritt der USA in den Ersten Weltkrieg in den aktiven Dienst der Nachrichtentruppe übernommen und in Frankreich eingesetzt. Dort hatte er den kriegswichtigen Auftrag, für den Aufbau und die Aufrechterhaltung der ständigen Nachrichtenverbindungen zwischen dem Hauptquartier des Oberkommandierenden des amerikanischen Expeditionskorps, General John Joseph Pershing (1860 - 1948), und dem Regierungssitz des Präsidenten Thomas Woodrow Wilson (1856 - 1924; Präsident der USA von 1913 bis 1921) in Washington (District of Columbia) zu sorgen. In Anerkennung der erfolgreichen Ausführung seiner Aufgaben wurde Carty gegen Kriegsende zum Brigadegeneral befördert. Im Jahre 1919 nach New York zurückgekehrt, setzte er bei der AT & T seine Forschungsarbeiten als Chefingenieur fort. Noch im gleichen Jahr ernannte ihn die Telefongesellschaft zu ihrem Vizepräsidenten. Dieses Amt übte er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1930 aus. Für seine bedeutsamen fernmeldetechnischen Leistungen wurde Carty mehrfach geehrt. Als höchste Ehrung stiftete die AT & T im Jahre 1932 die John-Joseph-Carty-Medaille, deren Verleihung die National Academie of Sciences (Nationale Akademie der Wissenschaften) vornehmen sollte. Man konnte Carty die Medaille jedoch nur posthum zuerkennen, da er kurz zuvor verstorben war.