„As the public have shown their disregard of beauty” Anmerkungen zur Akzeptanz von Postwertzeichen
Alljährlich im späten Herbst ist es wieder so weit: die Wahl zur „schönsten Briefmarke des Jahres“ steht an, und bald darauf wird eine der rund 60 deutschen Briefmarkenneuausgaben des Jahres von einer philatelistischen Zeitschrift unter allerlei medialem Getöse zur „Schönsten“ gekürt. Sehr viele Menschen beteiligen sich an diesen Wahlen, und Ähnliches findet auch in anderen Ländern inner- und außerhalb Europas statt. Ob ihrem Urteil nun eine gründliche ästhetische Reflexion zugrunde liegt oder ob es eine schnelle und impulsive Entscheidung „aus dem Bauch heraus“ war, spielt letztlich keine Rolle: Bemerkenswert ist vor allem die Tatsache, dass eine simple Quittung für eine bezahlte Postdienstleistung (die bei einer ungestempelten Briefmarke zudem gar nicht in Anspruch genommen wurde) überhaupt zum Gegenstand einer ästhetischen Betrachtung und eines ebensolchen Urteils wird. Dass die gelungene Gestaltung der Briefmarke eine durchaus ernsthafte und eine breite Öffentlichkeit beschäftigende Herausforderung war und ist, scheint den Verantwortlichen bereits bei der Einführung der Briefmarken 1839/40 in Großbritannien bewusst gewesen zu sein. (…)