Zwei Weltkriege lang schlummerten die Telegramme der alten märkischen Post auf den Regalen im Speicher des Postamtes Altena (Westfalen). Die alten Akten und Vorgänge blieben unbeachtet. Erst als für Handwerksarbeiten etliche Schemel und Aktenpakete zur Seite geschafft wurden, tauchten die Papiere auf. Dennoch blieben sie zunächst unbeachtet, obwohl sie heute als wertvolle Zeugnisse des posttechnischen Kriegsalltags zu Kaisers „letzten Tagen“ gelten. Ich habe diesen 90 Jahre alten Schatz in meiner Zeit als Amtsvorsteher des Postamtes Altena (Westfalen) in einen Schließkorb gepackt, um die Akten, Alt-Dienstanweisungen und andere Gegenstände Stück für Stück auszuwerten. Angesichts der drohenden Kriegswirren tickerte der Telegraf Mitte Februar 1913 durch das Lennetal: „Verschlossene Wert- und Einschreibsendungen aus Lothringen dürfen nicht weiterbefördert und nicht ausgehändigt werden.“ Goldmünzen, lautete die telegrafierte Order in gemorsten Buchstaben, seien einzusammeln und an die Reichsbank weiterzugeben. Dafür sollten im Zahlungsverkehr an den Postschaltern mehr Silbermünzen und mehr Papiergeld eingesetzt werden. Im Frühjahr und Sommer 1914 wurde angeordnet: „Verlängerter Tagesdienst von 6 bis abends 11 Uhr für den Telegrafendienst.“ Anfang Juni 1914 kam per Telegramm- Streifen der Befehl vom Siegener Bezirkskommando, dass der Ausspruch der Mobilmachung durch die Landräte und Ersten Bürgermeister zu erfolgen habe. Danach müssten unter anderem die „Pferdeaushebungskommissionen“ und die Tierärzte einberufen werden. Die Verkehrsbeschränkungen sollten dagegen „unauffällig bera-ten werden, kein Hinweis auf drohende Kriegsgefahr“. Auch die Zeitungen durften keine Zeile von Truppenbewegungen berichten, verlangte ein durch das preußisch-kaiserliche Land telegrafiertes Dekret. Am 1. August 1914, morgens um 6.15 Uhr, überraschte der diensthabende Telegrafierer der Kaiserlichen Ober-Postdirektion Dortmund seinen Altenaer Kollegen mit der Nachricht: „Erster Mobilmachungstag der 2. August. Dieser Befehl ist sofort ortsüblich bekannt zu machen.“ Schlag auf Schlag erlebten auch die Märker (Grafschaft Mark) den Auftakt zum Ersten Weltkrieg. „Auf Anordnung des Generalkommandos des 18. Armeekorps“, kam auf dem schmalen Telegrafie-Streifen getickert, „sind geschlossene Postsendungen von England, Niederlanden, Belgien und Schweiz bis auf weiteres 3 Tage zurückzuhalten.“ Schließlich ging eine telegrafische Jagd los, bei der am 5. August 1914 um 9.05 Uhr angeordnet wurde: „Französisches Auto aus Frankreich mit der No. 12386 mit drei Damen und Kriegsanleihe nach Russland unterwegs. Polizei benachrichtigen, Verhaften.“ Zwei Stunden später hieß es: „Französisches Auto 12386 nach Barmen-Rittershausen unterwegs. Radfahrer in Maurerkleidung versuchen, vom Auto herrührendes Gold weiterzuschaffen.“ Richtig abenteuerlich war es tags zuvor um 4.40 Uhr des 4. Augusttages: „Nach Mitteilung Eisenbahn-Direktion Köln“, wurde telegrafiert, „beabsichtigt Bankhaus Mendelssohn in Paris 100 Millionen Franken Gold über Niederlande nach Russland für russische Regierung zu schaffen. Die Sendungen sollen aufgefangen und beschlagnahmt werden.“ Ein Telegramm vom 8. August 1914 um 7.45 Uhr: „Auf Anordnung Generalkommando Münster sind die Verkehrsanstalten, um Einfuhr von Getreide und Benzin und für die Heeresverwaltung wichtigen Materialien möglichst zu beschleunigen, ermächtigt, Frachtbriefe für Schiffsladungen dieser Gegenstände auch in fremder Sprache nach Holland zu befördern, sofern ihre absolute Unverdächtigkeit feststeht. Solchen Personen und Firmen, die einwandfrei sind und nachweislich für die Heeresverwaltung oder im öffentlichen Interesse wirksam sind, ist der telefonische Fernverkehr auch nach der Grenzzone gestattet.“