Ob aus dem Urwald oder aus dem Ostseebad, bald hat sie wieder Hochkonjunktur, die Urlaubskarte. Auch im Zeitalter von Bildhandy, digitaler Fotografie und Videokamera zählt sie für fast alle Reisenden immer noch zum Pflichtprogramm.Von langweilig gekrakelt oder maßlos übertrieben bis zur geschliffen formulierten, kunstvoll gestalteten Tagebuch-Miniatur – beliebt bei den einen, von den anderen gefürchtet, soll sie vom schönen Leben im Nirwana künden – bisweilen auch daheim Neid erregen!
Tor zum Paradies: alles Illusion Endlich Ferien! Alle Sehnsüchte und Hoffnungen des Alltags kristallisieren sich in diesem Zauberwort. So vielfältig wie Wünsche und Träumende zeigen sich auch die amüsanten bis unsäglichen Ansichtskarten dieser Sparte. Alles, was Mensch sich sonst nicht traut, so scheint’s, feiert hier fröhliche Urstände. Wer erfand die Bildmotive? Woher stammen die Ideen, Assoziationen, optischen Verheißungen?
Die ganze Welt im Postkartenständer Ein fester Bilderkanon, bis heute gültig, erleichtert die neutrale Auswahl. Bestens bewährt, seit Generationen tradiert, hat sich die Standardvariante: Collage mit Sehenswürdigkeiten und Ansichten aus der jeweiligen Urlaubsregion. Ein leichter Dreh am Kartenständer offeriert dazu Allfälliges, Humorvoll- Schlüpfriges oder elegant-neutrale Fotomotive. Zeitlos verheißen sie weltenthobene Entspannung, illuminieren den idealen Sonnenuntergang vor weitem Horizont oder inszenieren die blaue Blume am Wegesrand. Motive wie Strand mit Kind, Förmchen und Backe-Kuchen, Konzertmuschel, Kurhaus mit klassizistischer Fassade, Blick auf den Hausberg oder eine kulissenhaft wirkende Pension mit dem heimeligen Namen „Haus Waldesruh“ oder „Haus Monika“ präsentieren sich mal betulicher, mal gewagter. Die Urlaubskarte mit ihren Chiffren von heiler Welt am fernen Traumort gerät nie außer Mode.
Mit Stereotypen einordnen und verstehen Sie zeigen Sommerziele an Europas Stränden oder wirken als Dolmetscher zwischen den Kulturen; auch exotische Destinationen locken mit bekannter Bildersprache. Dabei reicht die Spannbreite vom volkstümelnden Idyll bis zum wild wuchernden Pseudoparadies. Je ungewöhnlicher die Reiseziele, desto konventioneller der Formenkatalog, wie eindrucksvolle Naturschauspiele, Volkstanz von romantisch bis feurig oder Ansichten üppiger regionaler Küche – je nach Druckqualität der Karte lukullisch, lecker oder schwer verdaulich.
Urlaub und Ferien: Was ist das eigentlich? Nicht zufällig vereinen sich in dem Begriffspaar Urlaub und Ferien fast alle Sehnsüchte des domestizierten Großstadtmenschen. Den Zeithorizont öffnet der Blick in Nachschlagewerke: So ist das Wort Urlaub abgeleitet von der herrschaftlichen Erlaubnis, sich zu entfernen, die ein höher Stehender dem niedriger Stehenden oder eine Dame dem Herrn gnädig erteilte. Unter den veränderten Verhältnissen der Neuzeit wurde er übertragen auf die zeitweilige Befreiung von Dienst oder Arbeitsfron (Herkunfts-Wörterbuch). Ferien, lat. feriae, hat unseren Begriff von Urlaub geprägt. Seit 1521 tritt es in der Bedeutung „geschäftsfreie Tage“ auf, zuerst in der Gerichtssprache, dann für einzelne freie Tage in Universität und Schule. Als im 18. Jahrhundert Schulferien eingeführt wurden, setzte sich das Wort auch dafür durch.
Errungenschaft der Moderne: einfach abstempeln!
Unabweisbar wirft die selbst verordnete Postkartenpflicht einen langen Schatten auf die arbeits- und sorgenfreien Tage des Urlaubs. Manche verschieben das Schreiben bis auf die letzte Minute – straffe Planer machen sich gleich am ersten Tag auf die Jagd: „Schreiben könn’n wir ja, wenn’s regnet ...“ Daneben gibt es die leidenschaftlichen Postkarten-Schreibenden und die Total-Verweigerer: „Nee! Seit 1988 schreibe ich keine einzige Ansichtskarte mehr!“ Diesem Dilemma hat jetzt ein Designerteam mit einer eleganten Lösung für nur 22 Euro 50 abgeholfen. Der Stempel „Liebe Grüße“ erlaubt das Kräfte sparende Aufbringen eines ansprechenden Universaltextes: „Liebe Grüße aus unserem wundervollen Feriendomizil. Wir erholen uns prächtig und lassen es uns gut gehen. Alle sind wohlauf und freuen sich, Euch bald einmal wieder zu sehen.“ Einfach stempeln, unterschreiben, Briefmarke drauf und fertig.