HALLIG SÜDEROOG Mit dem „Watt-Postboten“ unterwegs Oliver Rump
Es ist ein kühler, regennasser, windiger Tag Anfang Mai. Nur zögerlich bricht für ein paar Minuten die Sonne heraus. Nach dreistündiger Fahrt mit Bahn und Bus von Hamburg aus habe ich Nordstrand erreicht und das Fährschiff bestiegen. Eine andere Welt. Möwen kreischen. Schnell ist alle Hektik vergessen. Die Brandung ist leicht, das Meer grau und aufgewühlt. Pellworm liegt als große, breite Insel vor mir. Rechts und links davon schauen kleine Erhebungen, teilweise wie eine Perlenkette aufgereiht, aus dem Wasser: die Halligen. Morgen soll ich zu Fuß durchs Wattenmeer zur Hallig Süderoog, dort erwartet man Post und ich darf mit.
Als „Halligen“ werden die uneingedeichten beziehungsweise nur mit Sommerdeichen ausgestatteten Marschlandinseln im Wattenmeer vor Schleswig-Holstein bezeichnet. Die heutigen zehn Halligen vor der Westküste des nördlichsten Bundeslandes stammen vermutlich aus der Zeit zwischen der ersten und der zweiten großen „Manndränke“ (Sturmfluten 1362 und 1634). Es sind Überbleibsel eines von Sturmfluten und normaler Brandung geraubten Landes. Langeneß ist die größte Hallig und Habel die kleinste. Meine Wanderung soll mich nach Süderoog führen, mit 60 Hektar Fläche eine der kleineren Halligen. Hier lebt nur das Ehepaar Matthiesen, einsam, aber mit dem gleichen Anspruch auf Postzustellung wie alle anderen Bürger der Bundesrepublik Deutschland.
Matthiesens erhalten ihre Post in der Regel zweimal pro Woche durch den einzigen Zusteller, der zu Fuß durchs Watt kommt: Knud Knudsen. Hin und zurück 14 Kilometer muss der 49-Jährige zurücklegen, dafür erhält er pro Tour rund 40 Euro von der Deutschen Post. Das Wetter und die Gezeiten bestimmen die Uhrzeit seiner Wanderung. Etwa zweieinhalb Stunden vor Niedrigwasser muss er aufbrechen, um nach höchstens zwei Stunden Aufenthalt wieder den Rückweg anzutreten. Nicht immer ist der Weg möglich: Sturm, Springflut und aufgetürmte Eisschollen können den Gang verhindern. Bevor er losgeht, ruft Knudsen kurz auf der Hallig durch, ob er noch etwas besorgen soll, das er dann zusammen mit der Post bringt.
Noch vor acht Uhr morgens holt mich der vollbärtige Nordfriese ab. Allwetter-Sandalen sollen meine Füße vor scharfen Muschelbänken schützen. Knudsen läuft – wie stets auch an Land (!) – barfuß. Als einzig notwendige Ausrüstung dienen ihm ein Handy für den Notfall, eine Taschenlampe und der beleuchtete Handkompass vom Schiffsausrüster. Sein Vorgänger Jens Jensen nahm auch schon mal ein GPS-Gerät zur Hand, aber das lehnt der traditionelle Knudsen ab: Aufwändige Technik kann bei Wind und Wetter versagen. Kein weiterer Wanderer gesellt sich in der Kälte und zur frühen Stunde an der Abgangsstelle am Westerkoog zu uns, obwohl Knudsen offizieller Wattführer ist – beworben durch den Fremdenverkehrsverein. Der gestrige Regen und Wind verhindern das Ablaufen des Wassers.
Knud Knudsen bereitet mich vorsichtig darauf vor, dass mein lang geplantes Vorhaben buchstäblich ins Wasser fallen könnte. So ist das mit dem Wetter und dem Meer, aber wir versuchen es trotzdem. Wenn der erste tiefe Priel gleich am Anfang zu schaffen ist, kommen wir auch durch alle weiteren durch. Bis zur Hüfte werden wir nass, der gelbe Postrucksack, Hemd und Jacke bleiben trocken, der Anfang ist geschafft. Knud Knudsen ist von Beruf Wasserbauer im Küstenschutz. Aus vielen Kontroll- und Reparatureinsätzen kennt er die Hallig, die Priele und Deiche dort sehr genau. Das Ehepaar Matthiesen betreibt auf der Hallig ökologische Landwirtschaft. In der Saison kommen Wattwanderer als kurze Tagesgäste, erlaubt ist das in der Schutzzone I nur mit offiziellem Wattführer auf festgelegter Route. Auch Yachtbesitzer versuchen ab und an bei ihnen festzumachen, aber gewünscht ist das nicht. Matthiesens Vorgänger führten eine Gastwirtschaft auf der Hallig, die gibt es aber nicht mehr.
Nachdem anfänglich meine Füße fast erfroren wären, geht es nun immer besser durch den Schlick. Die Luft ist würzig, die Unterhaltung anregend, und das Watt bietet nach Rückzug des Meeres einiges: Die „alte“ Wasserleitung von Pellworm nach Süderoog und alte Wegemarken kommen ebenso zum Vorschein wie Muscheln und Wattwürmer; Austernfischer stochern nach Beute. Im Hintergrund rauscht ein tobender Priel, Segel lassen ahnen, wo die offene Nordsee lauert. Nicht auf geradem Weg, sondern mit dem Kompass ab und an Haken schlagend erreichen wir nach anderthalb Stunden die Hallig. Das Vieh begrüßt Knudsen wie einen alten Bekannten. Wir werden von Gudrun Matthiesen in die Küche eingeladen und essen um 10 Uhr morgens gemeinsam warmen Eintopf. Knudsen berichtet ihr, was es auf Pellworm Neues gibt. Die Post wird gesichtet, das Päckchen mit Farbdosen muss leider wieder zurück. Der nebenberufliche Zusteller Knudsen trägt es gelassen. Zum Abschluss zeigt mir die Halligbäuerin noch den Pesel („gute Stube“), den Fething („Süßwasserreservoir“) und den hoch gelegenen, in Beton gegründeten Schutzraum. Mir fällt es schwer, an den Heimweg zu denken …
Wattwanderungen nach Süderoog: Fremdenverkehrsverein Pellworm, Internet www.pellworm.de, Wattführer Knud Knudsen, Telefon (0 48 44) 201