FEUERWEHR FÜR DIE SEELE Telefonseelsorge in Deutschland Cornelia Göksu
DAS ARCHIVWelches sind Ihre häufigsten Themen?
Seiler Unser Oberthema ist Einsamkeit. Weiterhin natürlich die klassischen Lebenskrisen wie Trennung, Sterben und Tod, dazu kommt in letzter Zeit verstärkt Zukunfts- und Existenzangst. Depressive Menschen haben meist große Schwierigkeiten, auf andere zuzugehen. Wir telefonieren wahrscheinlich schon überwiegend mit Menschen, bei denen Niedergeschlagenheit und Panikattacken nichts Einmaliges und Neues sind. Es gibt eine breite Palette depressiver Störungen bis hin zu schweren psychotischen Formen. Heute rückt immer mehr ins Blickfeld, dass auch die Mehrzahl körperlicher Erkrankungen zumindest eine depressive Komponente hat. Also muss man es bereits als enorm heilsam betrachten, wenn depressive Menschen überhaupt den Telefonhörer in die Hand nehmen. Bevor jemand es schafft, bei uns anzurufen, geht dem oft ein stundenlanger innerer Kampf voraus ...
DAS ARCHIV…und dann landet man in einer Warteschleife?
Seiler Leider ist unsere Rufnummer häufig besetzt, dann meldet sich eine elektronische Stimme mit der Bitte um einen erneuten Versuch. Die Telekom bietet uns zwar eine kostenfreie 0800- Nummer aus dem Festnetz, bisher können wir die automatische Ansage aber noch nicht mitgestalten.
DAS ARCHIVWie können Sie denn überhaupt helfen?
Seiler Seelsorge hat zunächst einmal den Auftrag, Halt zu geben, Ermutigung, Stärkung, den In den 80er-Jahren leitete sie die Telefonseelsorge in Kiel. Blick darauf zu richten, was die Anrufenden an Kräften und Lösungsmöglichkeiten in sich tragen. Das tun wir, indem wir sie einladen, von ihrer Geschichte zu erzählen. In der Mehrzahl rufen Frauen bei uns an, dabei muss die Telefonseelsorgerin (das sind zum größten Teil auch Frauen) Grenzen ziehen können. Die Kunst besteht darin, Gespräche ein Stück weit in die Hand zu nehmen, nicht ausufern zu lassen. Eine erprobte Methode ist zum Beispiel das Eingrenzen: „Was liegt heute für Sie obenauf? Dabei bleiben wir.“ – „Gibt es ein Netz, in dem sie aufgehoben sind?“ – „Bei mir ist deutlich angekommen, wie elend es Ihnen geht. Was haben Sie früher erfolgreich versucht, um sich aus einer ähnlichen Situation herauszumanövrieren?“ Bei Bedarf vermitteln wir auch Adressen von Beratungsstellen.
Kerssenfischer Es gibt aber auch eine große Zahl von Menschen, die regelmäßig anrufen – und das über Jahre. Für viele ist die TS die erste und manchmal einzige positive Beziehungserfahrung. Am wichtigsten ist es, Vertrauen herzustellen; das sollte wiederum nicht in eine Abhängigkeit münden.