Ein österreichischer Physiker (1804–1883) Zum Gedenken an seinen 200. Geburtstag
Vor 200 Jahren wurde am 12. November 1804 in Prag der österreichische Physiker Julius Wilhelm Gintl geboren. Sofort mit dem Beginn der elektrischen Telegrafie bereitete den Technikern der hohe Kostenanteil der Übertragungsleitungen an den Gesamtkosten einer Fernmeldeanlage die größten Sorgen. Folglich überlegte man sich bald, wie sich die Leitungswege ökonomisch und technisch günstiger nutzen ließen. Erste Lösungen dafür unterbreitete um die Mitte des 19. Jahrhunderts Gintl. Sicherlich erwartete der Buchbindereibesitzer Gintl Senior, dass sein Sohn Julius Wilhelm einmal den väterlichen Betrieb übernehmen würde, anstatt sich später der Telegrafentechnik zuzuwenden. Gintl Junior begann 1823 an der Prager Universität ein Philosophie- und Physikstudium, welches er 1829 in Wien beendete. Zunächst nahm Gintl von 1831 bis 1836 eine Lehrtätigkeit als Privatdozent für Mathematik und Physik an der Wiener Universität auf, um dann einer Berufung an die Universität Graz zu folgen.
Der gute wissenschaftliche Ruf Gintls bewog die Kaiserliche Telegrafen-General-Direktion in Wien, ihn im Jahre 1847 für eine Tätigkeit als Telegrafeninspektor einzusetzen und ihn mit der Bauleitung der Telegrafenlinie zwischen Brünn und Prag zu betrauen. Die ihm übertragenen Aufgaben löste er zur vollen Zufriedenheit seiner obersten Dienstherren, so dass er bereits drei Jahre später zum Telegrafendirektor ernannt wurde. Gintl konstruierte 1849 den ersten transportablen Telegrafenapparat für Eisenbahnzüge. Der von ihm experimentell geführte Nachweis, mit Hilfe des Leitvermögens des Wassers drahtlos zu telegrafieren, erlangte allerdings ebenso wenig eine praktische Bedeutung wie der von ihm 1853 erfundene elektrochemische Telegraf. Dagegen war die im gleichen Jahr erstmals von Gintl erkannte Möglichkeit des Gegensprechens, allgemein als Duplex-Verfahren bezeichnet, von größter Wichtigkeit für die weitere Entwicklung der Nachrichtentechnik. Nachdem Gintl das neue Verfahren theoretisch begründet hatte, gelang ihm im Juli 1853 auf der Linie Wien–Prag auch der praktische Nachweis. In Anerkennung seiner nachrichtentechnischen Pionierleistungen wurde Gintl 1855 auf der Industrieausstellung in Paris mit der Großen Goldenen Ehrenmedaille ausgezeichnet und in Wien als Mitglied der Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Im Jahre 1863 schied Gintl aus dem Staatsdienst aus und ging nach Prag zurück. Dort verbrachte Gintl seine weitere Lebenszeit, bis er am 22. Dezember 1883 in Prag verstarb.
Duplex-Verfahren: Es handelt sich hierbei um ein Betriebsverfahren, das die Informationsübertragung zwischen zwei Endstellen in beiden Übertragungsrichtungen gleichzeitig gestattet; von Vorteil sind dabei der geringere Leitungsaufwand für den Übertragungsweg, da beide Übertragungseinrichtungen für unterschiedliche Zwecke ebenfalls gleichzeitig genutzt werden können.