Der Beitrag von Dieter Daniels beruht auf seinem Vortrag auf einer Tagung in Cuxhaven im Jahr 2004. Alle Vorträge sind jetzt als Buch erschienen: Ohne Schnur. Kunst und Drahtlose Kommunikation, hg. von Katja Kwastek, Revolver Verlag, Frankfurt 2005, dt./engl., ca. 230 Seiten, Euro 18,-
1887: Eiffels Turm und Hertz' Welle
Der Zufall will, dass im Jahr 1887 zwei Dinge ihren Anfang nehmen, von denen noch nicht abzusehen ist, dass sie eines Tages
zusammenkommen werden: Dder Eiffelturm und der drahtlose Funk. 1887 beginnt der Bau des Eiffelturms in Paris, der 1889 zur Weltausstellung fertig wird Er war nie als permanentes Geb�e gedacht,
sondern soll nach Ende der Weltausstellung wieder verschwinden. Seine Errichtung ist von heftigen Debatten begleitet, denn er gilt gerade unter Schriftstellern, K�rn und Musikern als h�liches
Monstrum, das die Silhouette von Paris verschandelt.
Zu dieser Zeit gelingt in Karlsruhe Heinrich Hertz die Entdeckung der elektromagnetischen Wellen. Er bestätigt die Thesen des englischen Physikers James Clerk Maxwell, indem er erstmals auch
experimentell nachweist, dass es „Strahlen elektrischer Kraft“ gibt, die sowohl die Luft als auch das Vakuum durchqueren. Seitdem wissen wir, dass die Farben des sichtbaren Lichts und die
Frequenzen der Funksignale nur verschiedene Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums sind. Hertz begründet damit physikalisch die Möglichkeit einer drahtlosen Signalübertragung und darum
messen wir Funkwellen heute in Kilohertz, Megahertz und Gigahertz.
Auch wenn dies 1887 nicht absehbar war, sind es die Hertzschen Wellen, die dem Eiffelturm zu seiner eigentlichen Zweckbestimmung verhelfen. Ab 1903 trägt der Turm eine riesige Antenne und eine permanente Morse-Funkstation, ab 1910 wird von hier zweimal täglich ein Zeitzeichen ausgestrahlt, ab 1921 das französische Radioprogramm und schließlich das Fernsehen. Aus dem zweckfreien Monument wird damit der bekannteste Sendeturm der Welt. Zur Zeit seiner Erbauung ist der Hass der Dichter und Künstler auf den Turm vermutlich durch seine Funktionslosigkeit noch angestachelt worden. Diese selbstherrliche Zweckfreiheit galt bis dahin als ein Privileg der Künste und wird nun für eine Ingenieursleistung reklamiert. Wie Leo Trotzki bemerkt, wird der Turm dadurch, dass er mit seiner neuen Funktion einen Sinn erhält, zugleich „ästhetisch harmonischer“. Aus der zweckfreien Hybris einer sich selbst feiernden Technik wird der Prototyp des Sendeturms, dessen Harmonie von Form und Funktion ihn zum Modell für weitere Bauten macht, die – wie der Funkturm in Berlin – nun ausschließlich zu diesem Zweck errichtet werden.
Im Nachhinein könnte man den Protest der Künstler gegen den Turm auch dessen neuer Rolle zuschreiben: Mit der Ära des Broadcasting, mit Radio und Fernsehen wird die Produktion von Wort, Musik und Bild zu einer flächendeckenden Industrie. Heute ist die Position des Einzelkünstlers endgültig anachronistisch und chancenlos gegen einen ubiquitären Strom der Medien, der simultan auf hunderten von Kanälen verfügbar ist. (...)