Inh.: Über alte, luxuriös gestaltete Ansichts- und Grußkarten, 6 Abb.
Der Begriff Luxuspapier ist aus dem heutigen Sprachgebrauch nahezu verschwunden. Er entstand um 1860 mit den neuen Aufgaben, die dem Papier gestellt wurden, und hielt sich bis in die 30er-Jahre. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigten die großen Industrieund Weltausstellungen atemberaubende filigrane Papiere oder Kartonagen, die durch Prägen, Stanzen, Bedrucken (vorrangig Farbendruck) oder Bemalen eine Aufwertung und damit den exklusiven Hauch von edlem Überfluss erhielten. Das Kolorieren von Hand ist in der Luxuspapier-Industrie bis etwa 1880, bei der sich abzweigenden Ansichtspostkarten-Industrie sogar noch bis 1900 vorgenommen worden.
Um 1870 waren Luxus- oder Phantasiepapiere bereits in allen Bevölkerungskreisen beliebt. Aus der Fülle der neuen Kartonsortimente ließen sich verhältnismäßig günstig aufwändig verzierte Schmuck- und Geschenkartikel herstellen: Plakate, Bilder und Karten, auch kunstvolle Hüllen für Pralinen, Bonbons oder Schokolade. Im Gründerzeittaumel erlebten Unternehmen für Luxus- und Spitzenpapier oder Knallbonbonfabriken in den Metropolen Europas eine Hochblüte. Daneben produzierten sie Alltags- und Gebrauchsgegenstände, wie Lampenschirme, Krippen, Hutschachteln oder Oblaten, die Umhüllungen für Blumenbuketts, Tischfeuerwerk und Schultüten.
Exquisite Papiersurrogate
Luxuspapier als handwerklich anspruchsvoller Ersatz für teure Materialien wie Metall, Textilien oder Leder ist in der Buchbinderei schon früh genutzt worden. Durch Prägen entstandene
Lederpapiere, wie Safian-, Maroquin- oder Chagrin-Papier, wurden in ihrer Vollendung gepriesen. Auch Krepppapier ist letztlich ein Stoffsurrogat. Bis heute beliebt ist ornamentale Zierde in
Mischtechnik; vor allem das Montieren, das Ausstaffieren mit Fertigteilen in Kombination mit getrockneten Blüten oder Textilien, wie das Kleben, Falten und Falzen zu dreidimensionalen Objekten.
Die daraus gefertigten Transparent-, Klapp-, Zug- und Hebelzugkarten sorgten schon früher für immer neue Überraschungen. Collageartig wurden Goldrahmen, reliefierte Pappmach?auflagen, dünne
Bleche, Farbpapiere, Flitter mit farbigem Glas oder perlmuttartigen Kunststoffpartikeln kombiniert.
Zum Wegwerfen viel zu schade
So spiegelt die Entwicklung der effektvollen Ansichts- oder Glückwunschkarte auch ein Stück Technikgeschichte en miniature. Zwei bahnbrechende Erfindungen ermöglichten eine einfache und
massenhafte Bildproduktion, die Lithografie und die Fotografie. Dies schuf die Voraussetzung für einen regelrechten Bilderboom. Zusätzliche Dekoration verlieh dem Luxuspapier eine
Dreidimensionalität, die sich durch weitere Ausgestaltung noch verstärkte. Dadurch gewann die plastische Oberfläche eine Griffigkeit, die auch das Auge als „eindrucksvoll“ empfand. Mit
Stanzeisen erzielte man Konturen, während bei Oblaten zusätzlich Binnenstücke ausgestanzt werden mussten. Die so entstehenden Objekte, obwohl aus Massenproduktion, machten Papier zu einem
Gegenstand, der – im Kontrast zu Wegwerfpapieren wie Eintrittsbillets oder Fahrscheinen – ein nachhaltiges Eigenleben entwickelte. Neuere Techniken, so zum Beispiel die Holografie, brachten die
moderneren 3-D und Pop-up-Karten ins Spiel.