Inh.: Über die Blauen Mauritius-Marken und die Geschichte der Blauen Mauritius des Berliner Reichspostmuseums, 11 Abb.
„Kelvils Augen sprühen vor Interesse. Die Leidenschaft des Sammlers und Kenners bricht sich Bahn. Er hat, wohl ohne dass er es selber weiß, Frau Elisabeth die Ledertasche aus den Händen genommen. ‚Die Blaue Mauritius‘, wiederholt er noch einmal mit spannendem Kopfschütteln. Und dann sortieren und ordnen seine Finger in fliegender Hast die Marken und Umschläge, die die alte Tasche enthält. Das meiste wird beiseite geschoben. ‚Nichts Besonderes, belanglose Stücke‘, hört Elisabeth ihn murmeln. Nur einen starken, gelblich grauen Briefumschlag mit gestempelter Marke und steilen Schriftzügen behält Mr. Kelvil lange, endlos lange, will es Elisabeth bedeuten, in der Hand. Sein Gesicht ist voller Andacht, als er sich über die blaue Marke beugt, die das Bildnis der Queen Victoria trägt. Die blaue Mauritius! Einem Manne wie Mr. Kelvil bedeutet diese Marke ein Heiligtum! ‚Die blaue Mauritius!‘ Mr. Kelvil sagt den Namen noch einmal, beinah ehrfürchtig klingt es. (…) ‚Ich habe nie nach ihrem Wert gefragt‘, sagt Elisabeth leise. Es klingt wie ein Selbstgespräch. ‚Ich wollte es gar nicht wissen. Es war gerade das Mysterium der Marke, das ich liebte, und das mich mit besonderer Spannkraft erfüllte - -‘“
Dieses literarische Zitat spricht fast all das an, was den Mythos der Marke ausmacht. Die besondere Faszination, die der Begriff und die Marke auf Laien und Philatelisten gleichermaßen ausüben, die Seltenheit, der vielen Menschen nahezu märchenhaft erscheinende Wert und dann auch das Motiv des Schatzfundes, der Entdeckung von etwas Einzigartigem, zutiefst Wertvollem.
Der Text entstammt dem Roman Die Blaue Mauritius, den die völlig zu Recht vergessene Schriftstellerin Martina Eckart-Helm 1939 in Berlin veröffentlicht hat. Die Autorin, ganz offensichtlich eine Anhängerin des Nationalsozialismus, schildert in diesem Machwerk die Geschichte eines deutschen Offiziers, der desillusioniert aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrt, überzeugter Nationalist wird, jedoch durch eine Bürgschaft für einen Parteikameraden unverhofft in größte finanzielle Not gerät. Seine Frau besitzt ein ererbtes Briefmarkenalbum mit einer Blauen Mauritius, auf deren Verkauf an einen reichen Amerikaner sich nun alle Hoffnungen zur Begleichung dieser Ehrenschul richten.
Im Roman spricht der amerikanische Philatelist von einem einzigen Exemplar, das er bislang sah, und auch dieses nur „hinter Glas und streng gesichert“ - man darf wohl annehmen, dass es der Autorin, die ihm diese Worte in den Mund gelegt hat, genauso ging. Sie hatte kaum eine andere Möglichkeit, eine Blaue Mauritius in Deutschland zu sehen, als im Reichspostmuseum in Berlin. (...)